Bildungsförderung Oberguinea e.V.
  • Altertum und Kolonialisierung


© Benjamin Kouadio

Die Sage von Soundiata Keita
Aktuelle archäologische Funde (Schmiedewerkzeuge) einer guineisch-polnischen Arbeitsgruppe haben die Existenz eines dörflichen Lebens in der Region ab dem 6. Jahrhundert nachgewiesen. Aus arabischen Schriften wissen wir, dass das Volk der Malinké zwischen dem 8. und 16. Jahrhundert die Täler des Niger (in der Region des heutigen Oberguinea) als großes Sklavenreservat nutzte.
Im Jahre 1235 versammelte sich das Volk der Mandingo unter der Führung des Animisten Soundiata Keita und gründete das erste große Mandingo-Reich. Dieses Imperium entwickelte sich bis zum 14. Jahrhundert zu einer weit über die Grenzen anerkannten ökonomischen Macht. Im 17. Jahrhundert teilte sich das Reich in verschiedene Gruppen auf, von denen die Bambara-Fraktion die größte war. Hundert Jahre später beendete die Islamisierung durch Omar Saidou Tall diese Zersplitterungen.

Samori Touré
Im 19. Jahrhundert vereinigte der große Stratege Samori Touré alle kleinen Königreiche des Nigertals. Er führte ein Bildungssystem ein sowie klare Verwaltungsstrukturen. Mit seiner modernen militärischen Streitkraft kämpfte er bis zum Jahr 1898 erfolgreich gegen die französische Kolonialmacht.

Kolonialisierung
Ab 1900 weitete sich jedoch die Kolonialpolitik Frankreichs aus, unterteilte Westafrika künstlich in verschiedene Länder und zerriss die Mandingo-Kultur vollständig. Aus diesem Grund wird heute die Malinké-Sprache in den Ländern Senegal, Gambia, Mali, Guinea, Guinea-Bissao, Sierra Leone, Elfenbeinküste und Burkina Faso gesprochen.


  • Die Unabhängigkeit Guineas (1958–1984)


Sékou Touré und Charles de Gaulle

In dieser Hütte in Dalaba wurde die Unabhängigkeit Guineas unterschrieben

Die Teilung Afrikas (1885)
Im Februar 1885 wurde auf der Berliner Konferenz zur Teilung Afrikas beschlossen, dass alle teilnehmenden afrikanischen Kolonien, die zukünftig ihre Unabhängigkeit fordern, weitere 30 Jahre den Anweisungen der Kolonialmächte zu folgen haben. Erst nach diesem Zeitraum sollten sie gänzlich unabhängig sein und eigenständig mit anderen Staaten verhandeln dürfen (Dossier über die Kolonialisierung).

Die Unabhängigkeit Guineas (1958)
Die Ergebnisse der Berliner Konferenz galten auch noch im Jahre 1958, als der damalige französische Präsident Charles de Gaulle und der guineische Politiker Sékou Touré über die Unabhängigkeit Guineas verhandelten. De Gaulle nutzte den Spielraum der Konferenzbeschlüsse und legte Guinea ökonomisch lahm, indem er dem Land nicht nur wirtschaftliche Kontakte zu anderen Staaten untersagte, sondern auch der französischen Wirtschaft jegliche Handelsbeziehungen mit Guinea verbot.

Handelsembargo
Es begann ein 30-jähriges Handelsembargo zwischen Guinea und Frankreich, sehr zur Überraschung von Guineas politischer Führung.
Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Embargomaßnahmen de Gaulles andere afrikanische Staaten abschrecken sollten, dem ‚schlechten Beispiel‘ Guineas zu folgen und die politische Unabhängigkeit anzustreben.
Obwohl das Handelsverbot zwischen Frankreich und Guinea 1988 beendet sein sollte und Guinea der freie Handel mit anderen Nationen gestattet war, beschränkte sich das Land aufgrund einer gewissen Frankophonie, die zwischenzeitlich entstanden war, nur auf den ökonomischen Handel mit französischsprachigen Staaten.


Samori Touré

Sekou Touré und sein berühmtes weißes Tuch

Guineische Flagge

Die Bildungsreform 1958
Mit der Unabhängigkeit Guineas im Jahre 1958 veranlasste Präsident Sékou Touré eine große Bildungsreform. Nachdem alle Lehrer französischer Nationalität das Land verlassen hatten, beschloss er, zügig eine erste Generation einheimischer Lehrer in der Malinké-Sprache auszubilden. Malinké war damals die gebräuchlichste afrikanische Handelssprache, und so wurden auch Schulbücher erstmalig in Malinké verfasst und die gesamte Alphabetisierungskampagne in dieser Sprache durchgeführt. Zu der ehrgeizigen Bildungsreform gehörte neben dem Schulunterricht auch eine sogenannte Kompetenz-Kampagne im gesamten Land. Doch wegen der zunächst eilig und dadurch mangelhaft durchgeführten Ausbildung der Lehrkräfte stieß die Kampagne in der Bevölkerung auf immer größeren Widerstand und scheiterte schließlich. Ihre Bedeutung wurde erst viele Jahre später erkannt.

Die Militärdiktatur
Während seiner fast drei Jahrzehnte währenden Herrschaft als Syli (‚großer Elefant‘) errichtete er eine Diktatur in Afrika, unter der Tausende politisch missliebige Intellektuelle gefoltert und liquidiert wurden. Das Land Guinea verzeichnete in dieser Zeit mindestens zwei Millionen Flüchtlinge. Trotz üppiger Ernten und zahlreicher Bodenschätze herrschte Unterernährung.
Gegen Ende seiner Amtszeit wurde er ab 1980 vor allem durch den zunehmenden Protest insbesondere der Frauen Guineas gezwungen, seine Innenpolitik zu verändern.
Außenpolitisch versuchte er, durch eine Zuwendung zum Westen wieder Wirtschaftshilfen für sein Land zu erlangen. Unter Giscard d’Estaing gelang ihm eine Versöhnung mit Frankreich. Außerdem bereiste er andere afrikanische Länder und trat erfolgreich als Vermittler auf.

Der Tod Sékou Tourés (1922–1984)
Ein bis heute ungelöstes Rätsel ist der Tod von Sékou Touré, der am 26. März 1984 in Cleveland / USA starb. Bis heute bleibt ungeklärt, ob es ein natürlicher Tod oder eine beabsichtigte Vergiftung war.
Nach dem Tod dieses mehr oder weniger beliebten Herrschers nutzte Lansana Conté die Regierungsumbrüche dieser Zeit und brachte sich am 3. April 1984 durch einen gewalttätigen Militärputsch an die Macht. Die Folgen dieser Militärdiktatur sind bis heute spürbar.

  • Die zweite Militärdiktatur unter Lansana Conté (1984–2007)


Lansana Conté

Lansana Conté

Lansana Conté und Jacques Chirac

Nach seiner Machtübernahme führte Lansana Conté Französisch als Amts- und Unterrichtssprache wieder ein. Fast 25 Jahre lang prägte Conté diese zweite Phase der Unabhängigkeit Guineas. Unter seiner Militärdiktatur verarmte das Land völlig. Bei mehreren Gelegenheiten versuchten seine Gegner, einen demokratischen Wandel herbeizuführen – vor allem Ba Mamadou, Alpha Condé (der aktuelle und gewählte Präsident Guineas) sowie Sidya Touré und Jean-Marie Doré. All ihre Versuche waren vergeblich und endeten mit Blutbädern, willkürlichen Hinrichtungen der Aufständischen und der Gefangennahme vieler politischer Gegner.

Transparency International verzeichnete Guinea 2006 auf auf dem viertletzten Platz des globalen Korruptionsindex. Heute, 10 Jahre später, hat sich das Land immerhin auf Platz 142 von 176 verbessert. Als die Gewerkschaften des Landes im Januar und Februar 2007 einen Generalstreik organisierten, befahl Präsident Conté blutige Vergeltungsmaßnahmen, bei denen 20 Menschen starben und 500 verwundet wurden.

Nach diesen Ereignissen erhielten die Gegner Contés endlich internationale Unterstützung und Hilfe aus den Nachbarländern. Am Ende seiner Regierungszeit hatte der angeschlagene Präsident Lansana Conté zusammen mit vielen seiner Minister die Möglichkeit genutzt, enorme Geldsummen zu hinterziehen und das Land auszuplündern, sodass der verarmte Staat die Menschen resignieren ließ. Der alte Diktator starb im Dezember 2007 – sein Volk hatte er verlassen, sein Land ins Chaos gestürzt.

Kurzes Fazit

Obwohl Guinea seit 1958 ein unabhängiger Staat ist, der zusätzlich über sehr reiche Bodenschätze verfügt und deshalb alle Voraussetzungen für eine Entwicklung Richtung Wohlstand erfüllt, wurde das Volk innerhalb der letzten 60 Jahre durch die Macht zweier Diktaturen in hoffnungslos große Armut gestürzt.
Erst seit 2010 hat Guinea einen demokratisch gewählten Präsidenten – Alpha Condé. Seine vordringlichste Aufgabe ist es, im Land erstmals Infrastrukturen für alle wichtigen Bereiche des öffentlichen Lebens zu schaffen (z.B. Verkehr, Bildung, Gesundheit, Müllentsorgung, Energie- und Wasserversorgung) und damit den Anschluss an das 21. Jahrhundert zu ermöglichen.

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